Gestöhne in der Zeitung

Wenig stellt Journalisten, die gerne abwechslungsreich schreiben, vor ein derart großes stilistisches Problem wie das Anführen eines Zitats. Hier ein Beispiel: „Das ist toll“, sagte Manni Müller.

Das geht ja noch an. Doch was, wenn Müller noch ein paar Sätze von sich gibt? Schreibt man dann etwa wieder: „Das freut mich wirklich“, sagte Müller weiter? Und dann sagte er noch: „Nie so was Gutes gesehen.“?

Das nervt beim Schreiben wie beim Lesen. Immer „sagen“ ist halt öde. Nun kann sich der Schreiber fragen: Hat Müller seine Worte bloß gesagt, oder hat er sie freudig gerufen, gar gejauchzt, oder vielleicht eher gesungen, geschrieen oder gefaucht? Im Roman oder in der Reportage kann man noch halbwegs gut mit solchen Verben der Aussage für Abwechslung und Farbigkeit sorgen; schwerer wird es in Nachrichten-Texten wie einem Bericht.

Die „Süddeutsche Zeitung“ zum Beispiel hat am 27. Oktober 2011 auf Ihrer „Geld“-Seite eine unfreiwillig komische Lösung für das Problem gefunden. Dort steht zu lesen: „Der Umgang mit Geld aktiviert im Hirn dasselbe Areal, dass auch nach Kokain und Sex stimuliert wird.“

Vom überzähligen Buchstaben „s“ bei der hier eigentlich angebrachten Relativsatz-Konjunktion „das“ wollen wir einmal absehen. Worum es geht, steckt im Zitat-Zusatz: „ ... ,stöhnt der Reutlinger Vermögensberater Volker Looman“.

Als Leser fragt man sich nun: Hat Herr Looman wirklich gestöhnt, als er das sagte? Oder wollte der SZ-Autor nur für etwas mehr Dramatik sorgen? Stammt der Satz womöglich gar nicht aus dem Munde des Anlageberaters, sondern aus einem seiner veröffentlichten Texte?

Denn warum sollte jemand bei oder nach einem erklärenden und keineswegs wehleidig oder vorwurfsvoll erscheinenden Satz stöhnen? Ein Journalist, der solches am Telefon hören würde, müsste nachfragen, warum hier gestöhnt statt erläutert wird. Tut er das nicht, sollte er einfach schreiben, dass hier etwas gesagt worden ist. Toll ist das nicht, aber korrekt.

Des Rätsels Lösung (ich habe bei Volker Looman nämlich per E-Mail nachgefragt, hier seine Antwort an mich, ebenfalls vom 27.10.11):

„Der Satz über den Umgang mit Geld stammt aus einem Artikel, den ich für die Frankfurter Allgemeine Zeitung geschrieben habe. Ich kann mich nicht erinnern, über Privatleute gestöhnt zu haben. Genauso wenig hat mich der „Kollege“ gefragt, ob ich über das Verhalten von Privatleuten gestöhnt hätte. Kurzum: Die Aussage oder Behauptung, Looman habe gestöhnt, ist in der Tat in diese Hose gegangen.“

Volker Looman hat das übrigens weder gestöhnt noch wehgeklagt, sondern schlicht in seinen Rechner getippt.