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Wenn Schaden uns am Ende nutzt
Was soll schon gut sein an einem dämlichen Missgeschick? Die Antwort fällt in aller Regel schwer, doch überzeugend geben könnte sie jenes spanische Paar, das am 21. August 2008 sein Flugzeug verpasst und höchstwahrscheinlich deshalb überlebt hat. Oder jener Mann namens Rafael, der ebenfalls den Spanair-Flug 5022 ab Madrid nach Las Palmas auf Gran Canaria buchen wollte, am Schalter aber abgewiesen wurde, weil die Maschine überfüllt war.
Für diese drei Menschen war das nicht nur ein Glücksfall, sondern eine Art zweite Geburt. Denn um 14:24 Uhr scheiterte damals der Start der zweistrahligen McDonnell Douglas MD-80 auf dramatische Weise und brachte 154 der 172 Insassen den Tod. Kurz nach dem Abheben war das Flugzeug nach rechts ausgeschert, zu Boden gestürzt, in Flammen aufgegangen und ausgebrannt.
Die Ursache waren nicht ausgefahrene Landeklappen, die auch beim Start den Auftrieb des Flugzeugs erhöhen und die Maschine so schon bei vergleichsweise niedriger Geschwindigkeit in der Luft halten sollen. Üblicherweise warnt ein Alarmsignal die Piloten, wenn die Auftriebshilfen nicht korrekt ausgefahren sind, doch diesmal leider nicht: Denn ein Rechner in der Firmenzentrale der Fluggesellschaft Spanair war fatalerweise mit einem sogenannten Trojaner infiziert, einem Störprogramm. Dieses hatte verhindert, dass die Piloten von dem Problem erfuhren und die Leben von 154 Menschen retten konnten, darunter ihre eigenen.
Wer seit ein paar Jahrzehnten auf der Erde herumwuseln darf, hat mehrfach erfahren dürfen, dass viele zunächst ausschließlich übel wirkenden Ereignisse auch eine gute Seite haben. Und es geht hier nicht etwa um Zynismus: Natürlich wirkt sich auch der Verkehrstod eines Menschen positiv auf diverse Geschäftsbilanzen aus, darunter die des Abschlepp-Unternehmers oder jene des Bestatters. Doch gemeint ist hier etwas anderes.
Nach dem „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“ des 2006 verstorbenen Volkskundlers Lutz Röhrich ist das Sprichwort „Selten ein Schaden, ohne dass ein Nutzen dabei ist“ erstmals für das Jahr 1683 belegt, wenn auch in folgender, für unsere heutigen Ohren etwas befremdlicher Form: „Ist also wahr, das selten ein Schaden ist, eß ist ein nutzen darbey.“
Niedergeschrieben hat den Satz offenbar ein Zisterzienser-Mönch aus dem Kloster Heiligenkreuz im Wienerwald, nachdem er vor den neuerlich Wien belagernden Türken geflohen war. Leider erwähnt das Lexikon nicht, was sich am Ende für den Klosterbruder als so bemerkenswert nützlich herausgestellt hat. Hat er am Ende ein für ihn besser geeignetes Kloster gefunden? War der langjährige Streit mit seinem Abt auf diese einschneidende Weise plötzlich und völlig unerwartet beendet worden?
Wer endgültig sein Abitur nicht schafft, ist wahrscheinlich sehr von sich enttäuscht, kann aber noch gar nicht erkennen, welche Möglichkeiten das eröffnet. Vielleicht geht der Betreffende nun endlich jenen Weg, der ihm seit jeher viel mehr gelegen hätte, erlernt ein Handwerk oder verwirklicht eine seit langem gärende Geschäftsidee. Denn nichts ist so schlecht, dass es nicht auch für irgend etwas gut wäre, wie die alten Leute sagen.
Dumm nur, dass die Wahrnehmung des Menschen leider sehr eingeschränkt ist, „und so sehen wir meist nur eine Seite der sich uns bietenden Medaille“, urteilt Jürgen Gräbel, Unternehmensberater in Remscheid. Konfrontiert mit einem Konflikt oder einem Problem, übersähen wir oft, „dass am Schlechten, durchaus auch etwas Gutes sein kann“. Der Coach verweist auf entsprechende Fälle im Beruf oder im Privatleben, die jeder und jede kenne. So habe sich mancher, nachdem er entlassen worden war, „mit großem Erfolg selbstständig gemacht“. Andere hätten erst nach ihrer Scheidung „ihr ganz großes, neues Lebensglück“ gefunden. So verberge sich „in jedem Problem und in jeder Krise ... auch immer der Keim einer Chance“.
Vielleicht nicht in jeder, aber doch in den meisten. Und leicht ist es auch nicht, die Gelegenheit beim Schopf zu packen, oft sogar sehr mühsam und verbunden mit Rückschlägen. Doch etwas anderes zu erwarten, wäre reichlich naiv. „Das Gute entsteht nicht durch das Angenehme, Gutgemeinte oder Gutgewollte. Auch nicht durch Schimpfen und Drohen und moralische Mahnung“, schrieb der Zukunftsforscher Matthias Horx im vergangen September in einem Beitrag für seine Seiten im Netz. Eine Zukunft, die im Rückblick als gelungen bezeichnet werden könne, sei nun mal ein „Resultat des Mutes, der die Angst überwindet“.
Solchen Mut braucht es auch, um Krisen durchzustehen. Eine Krise zu haben, klingt nicht nur wie ein Leiden, sondern sogar bedrohlich. Ursprünglich bedeutete das aus dem Griechischen stammende Wort aber nur, Entscheidungen treffen zu müssen – wovon in Griechenland im Augenblick eine ganze Reihe fällig sind. Solche Entschlüsse können überfällige sein, die sich auszahlen werden. Manche dieser guten Entscheidungen hätte man ohne die schwere, letztlich aber sinnvoll überstandene Zeit niemals getroffen.
Auch Krankheiten werfen Fragen auf, die wir beantworten müssen, sofern sie uns nicht gleich umbringen oder auf Dauer lähmen. Doch so mancher angestellte oder freiberufliche Macher, der jahrelang im Hamsterrad oder wie am Marionetten-Schnürchen lief, benötigte im Rückblick einen Herzinfarkt als Kanonenschuss vor den Bug, um sich gerade noch rechtzeitig besinnen zu können.
Auch wenn in Wirtschaftskreisen allenthalben von einer ausgeglichenen Bilanz zwischen Leben und Arbeiten geredet wird, „ist auch für junge Menschen der Druck enorm angewachsen, den man aushalten muss, um sich überhaupt über Wasser zu halten“, sagt der Bad Nauheimer Psychokardiologe Jochen Jordan. So schwer es gerade Herz-Patienten fällt, auf ärztlichen Rat hin ein oder zwei Gänge zurückzuschalten, so sehr liegt für nicht wenige von ihnen gerade in der für sie schockierenden und oftmals deprimierenden Krankheit ihre allerletzte Chance. Bloß stellt sie sich als solche oft erst hinterher heraus.
Wer sein irdisches Dasein achtsam zu erfahren sucht, dürfte keine allzu großen Probleme haben, das Gute im Schlechten zu erkennen und wertschätzen zu lernen. „Auf meiner bisherigen Wanderung durch das Leben bin ich viele Um- und Irrwege gegangen“, sagt der Arzt und Psychotherapeut Karl Geck aus dem südbadischen Murg-Hänner. „Im Nachhinein möchte ich meine Lebenskrisen nicht missen, auch wenn ich in den Momenten, als sie mich heimgesucht haben, versucht habe, sie schnellstmöglich wieder los zu werden.“
Allerdings legt der Anbieter von Selbsterfahrungskursen, darunter solche für alternde Männer und gemeinsam alt werdende Paare, auch Wert auf einen anderen Gedanken. Geck findet nämlich auch, „dass man nicht nur durch Krisen, Leid, Schuld und Ohnmacht menschlich wachsen kann, sondern genauso durch die beglückenden Geschenke des Lebens“. Krisen sind oft gut, aber es gibt auch Gutes ohne Krisen.
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