Vom Luxuslicht zur Massenware

Heute ist ein 50er-Säckchen Teelichter im Supermarkt locker für etwa zwei Euro zu haben, also für vier Cent das Stück – der Alte Fritz (1712-1786) hätte Augen gemacht. Als der Preußenkönig seine Paläste abends noch mehr schlecht als recht mit Kerzen aus Bienenwachs (lat. cerus bedeutet „Wachslicht“) erhellen lassen musste, waren die Lichtspender Luxusware, während die armen Leute im schummrigen Schein billiger Funzeln aus Rindernierenfett und Hammeltalg hockten.

Und ein rußendes Vergnügen war das Kerzenlicht außerdem. Denn noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts qualmten Kerzen derart, dass der naturwissenschaftlich interessierte Dichter Johann Wolfgang Goethe 1779 an seine Muse Charlotte von Stein schrieb, er „wüsste nicht, was sie besseres erfinden könnten, als dass die Kerzen ohne Putzen brennten“. Selbst Weltgeister ärgern sich eben bisweilen über schnöde Widrigkeiten.

Goethe meinte mit dem Putzen allerdings nicht etwa ein Abwischen verschmutzter Kerzen, sondern das immer wieder nötige Kürzen ihres Dochtes, der immer dann rußte, wenn er mehr Wachs nach oben zur Flamme saugte, als diese verbrennen konnte. Zudem verbrannte der überstehende Docht selber oft nicht. Zuständig fürs Kürzen waren bei Hofe die so genannten „Wachsschneutzer“ (Wachsputzer); ihre Arbeit erleichterten spezielle Scheren mit Dochtfang. 

Der Teufel steckt bekanntlich im Detail, und so war das saubere Abbrennen von Kerzen lange Zeit ein arges Problem gewesen, auf dessen geniale Lösung Jules de Cambacéres erst im Jahr 1828 kam. Bis dahin waren die Baumwoll-Dochte nämlich nur gedreht; erst der Franzose flocht sie so, dass die Dochte eine Art Drall mitbekamen. Dadurch krümmte sich der von nun an verbesserte Docht ab einer gewissen Länge zur Seite, so dass seine Spitze immer in den heißesten Teil der  Flamme ragte. Der Chemie-Professor Klaus Roth von der Freien Universität Berlin hat das in der Zeitschrift „Chemie in unserer Zeit“ einmal als eine Art „automatische Dochtstutzung“ bezeichnet.

Nicht minder treffend sieht Roth im Docht die „Seele der Kerze“. Denn der gewundene Strang muss sich aus einer möglichst genau bemessenen Zahl einzelner Baumwollfäden zusammensetzen, angepasst an den Kerzendurchmesser und die verwendete Komposition des Wachses aus Paraffin und Stearin. So benötigten zehn Millimeter dicke Kerzen aus 90 Prozent Paraffin und 10 Prozent Stearin einen Docht aus 24 Baumwollfäden, während eine 15-Millimeter-Kerze bereits 33 davon erfordere.

In jedem Fall muss der Docht „eine ausreichende Menge an geschmolzenem Wachs ansaugen, damit sich ein Gleichgewicht zwischen der geschmolzenen und verbrannten Wachsmenge einstellt“, erläutert Roth das zu lösende Problem. „Saugt der Docht zu wenig, sammelt sich zuviel flüssiges Wachs und die Kerze erlischt; saugt der Docht zuviel, kann das Wachs nicht mehr vollständig verbrennen, und die Kerze beginnt zu rußen.“

Auch Kerzen können ein Burnout erleben: Entweder müssen sie ihren gesamten Brennstoff aufzehren, oder ihr Lebenslicht wird ihnen ausgepustet. Dann wird es über dem Docht zu kalt, weil die Flamme zur Seite ausweicht. Zusätzlich reduziert sich der Wachsdampf aus dem Docht, so dass die nötige Menge an Brennstoff fehlt. Sinkt der Sauerstoffgehalt der umgebenden Luft von den üblichen 21 Prozent unter die Schwelle von etwa 16 Prozent, erlischt das Lichtlein ebenfalls.

Am Docht handelsüblicher Kerzen verdampft das Wachs bei etwa 600 Grad Celsius. Doch in der Flammenspitze, die sehr gut mit Sauerstoff versorgt ist, lassen sich bis zu 1400 Grad messen. Nur gut 150 Grad mehr wären nötig, um Eisenerz aufzuschmelzen.

Dass Kerzen heute so günstig sind, liegt an der Erfindung von Ersatzstoffen für Bienenwachs, außerdem an der industriellen Fertigung ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 1824 hatte der Chemiker Eugene Chevreul ein Patent darauf angemeldet, wie sich aus Stearin Kerzen herstellen lassen. Isoliert hatte der Franzose die gut brennbare Substanz aus verseiftem Schweinefett.

Heutzutage wird die biologisch gut abbaubare und potenziell klimaneutral verbrennende Substanz aus pflanzlichem Palmöl oder aus tierischen Fetten gewonnen. Stammt das Palmfett freilich aus Plantagen, die auf Kosten urwüchsiger Regenwälder gepflanzt worden sind, sieht die Umweltbilanz des Materials längst nicht mehr so freundlich aus. Deshalb dürfen so genannte Bio-Kerzen nur aus Palmfett aus nachhaltig geführtem Anbau produziert werden, wie ihn der „Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl“ versteht (Näheres auf Englisch unter www.rspo.org).

Stearin schmilzt, je nach organischer Zusammensetzung, erst zwischen 60-und 70 Grad Celsius, was Kerzen daraus nach dem Auspusten schneller wieder fest werden lässt und dafür sorgt, dass sie bei größerer Wärme grundsätzlich länger die Form bewahren. Der aus Stearin- und Palmitinsäure bestehende Brennstoff ist allerdings teurer als das heute überwiegend für Kerzen verwandte Paraffin.

Auf diese Substanz stieß der deutsche Chemiker, Naturforscher und Industrielle Carl Ludwig von Reichenbach 1830 bei Experimenten mit Holzteer. Mit Paraffin, das schon bei etwa 40 Grad weich und ab 55 Grad flüssig wird, war damit ein weiteres halbnatürliches Kerzenmaterial gefunden. Von nun an konnte auch in armen Haushalten viel öfter ein schöneres Licht aufgehen – nicht nur an Weihnachten, sondern auch auf Geburtstagstorten oder bei einem gefühligen „Candlelight-Dinner“ mit einfacher Hausmannskost.

(5400 Anschläge)