Büro: Rosental 44, D-53111 Bonn
Büro-Tel.: 0228-96911-42
Büro-Fax: 0228-96911-43
Mail: schmidtwalter@t-online.de
Verduften gilt nicht!
„Hallo ihr Lieben, folgendes Problem“, beginnt ein ratloser Mensch im weltweiten Netz und fährt dann fort: „Meine bisherigen Silvesterfeiern sind folgendermaßen abgelaufen: essen, trinken und warten auf null Uhr – das möchte ich dieses Jahr echt vermeiden.“ Auf keinen Fall sollten Gäste und Gastgeber auch diesmal wieder „alle nur rum sitzen“.
Man sieht die Runde förmlich vor sich: Das Essen ist verspeist und die Gläser bieten kaum noch Halt, werden gelangweilt hin und her geschoben und außerdem zu oft befüllt. Während die erste Stunde noch wackeren Witz und manchmal Geist versprüht hat, wälzt sich schon die zweite dahin, so dass von der dritten niemand mehr erwartet, als dass sie mindestens doppelt so lange dauern werde. Und dabei ist es erst 22.17 Uhr!
Das Problem klingt grundsätzlich, ist es aber nicht. Eine Geburtstagsparty – zumindest eine, die am Jubeltag selbst gefeiert wird – kann man schicklich verlassen, auch wenn es erst halb elf ist. Zwei oder drei Stunden Anwesenheit reichen vielen Gastgebern völlig, vor allem, wenn die aufbrechenden Gäste glaubhaft versichern können, „echt todmüde“ zu sein. Wer dann noch säuselt: „Es hat mal wieder toll geschmeckt!“, dürfte auch nächstes Jahr herbeigebeten werden – Wohl oder Wehe.
Silvesterpartys hingegen haben wenig Sinn, wenn sie vor Mitternacht enden oder sich die meisten Gäste früher als nach dem Zuprosten um 0.00 Uhr schon wieder verabschieden. Einen Brechdurchfall überzeugend vorzutäuschen, gelingt nicht jedem. Und wer das Beisammensein ohne sichtbare Anzeichen von Übelkeit, ärgeren Herzrhythmusstörungen oder verfrühtem Delirium verlässt, macht sich verdächtig, irgendwo noch eine lustigere Schose zu kennen. Muss man also durchhalten, selbst wenn alles Gute-Laune-Pulver längst verschossen ist?
Klinke man sich aus einer Silvester-Party vor Mitternacht aus, „so ist das ein deutliches Feedback an den Gastgeber, dass einem das Fest überhaupt nicht gefällt“, sagt Nandine Meyden, die seit 2005 als Benimm-Expertin der MDR-Sendung „Vorsicht Fettnäpfchen!“ tätig ist. „Höfliche Menschen stehen das durch und verabschieden sich nach Mitternacht“, fügt die Germanistin und Völkerkundlerin hinzu.
Allenfalls könne man sich rechtzeitig ein Hintertürchen öffnen. „Skeptiker bauen vor und sagen schon bei der Einladung, dass sie leider nur kurz kommen können – so kann der frühe Abgang nicht als Kritik am Fest gewertet werden“, findet die Berliner „Spezialistin für moderne Umgangsformen“, wie sie sich selber nennt. Wer weder ausharren noch vorsorgen wolle, müsse „entweder ein guter Diplomat oder sehr erfinderisch sein, um ohne böses Blut an diesem Tag den Jahreswechsel zu überstehen“.
Für den Münchner Benimmtrainer Alfred F. Schmidt würde es „vielleicht zum Stil der Zeit passen, eher nur an sich zu denken und die Party schnellstens zu verlassen“, um anderswo Menschen zu finden, „die einem mehr zusagen“. Da ein Fest jedoch aus Gästen besteht und ein Gelingen von ihnen allen abhängt, stellt sich für den studierten Betriebswirt die entscheidende Frage so: „Was spricht dagegen, seinen engagierten Beitrag dafür zu leisten, dass die Feier noch das wird, was man sich vorgestellt hat?“ Vermutlich wenig – außer einem Quäntchen Bequemlichkeit, übler Laune und Einfallsarmut.
Einfallsreich hingegen könnte man auf den Gedanken verfallen, sich schon vor Mitternacht französisch zu empfehlen – also zu gehen, ohne dass es Gastgeber und andere Gäste merken. Schon regionale Varianten der Redensart wie „sich auf Französisch verdrücken“ oder „dünn machen“ deuten auf drohende Missverständnisse hin.
(mögliche Kürzung AB HIER)
Denn wer sich auf diese Weise verdünnisiert, wirkt am Ende womöglich überhaupt nicht höflich, sondern ungezogen – obwohl er durch klammheimliches Verschwinden im besten Fall gerade keine Abschieds-Lawine auslösen wollte. So jemand braucht sich künftig über ausbleibende Silvester- und sonstige Einladungen jedenfalls nicht zu wundern – auch wenn das aus Sicht der Betroffenen eine milde Strafe sein mag.
(mögliche Kürzung BIS HIERHIN, dann 400 Anschläge weniger)
Hinzu kommt ein praktisches Problem: „Ist die Party-Gesellschaft klein und passt sie an einen 10-Mann-Tisch, dann kann man sich nicht so leicht unbemerkt aus den Raum stehlen“, sagt Alfred F. Schmidt. „Bei einem miesen Ball hingegen würde es vielleicht nur wenigen auffallen, wenn man sich mit den Worten ´Ich geh mal Händewaschen` verabschiedet und nicht wieder im Saal erscheint.“
Doch wirklich stilvoll ist das alles nicht. „Egal was Sie tun“, wendet der Etikette-Fachmann ein, „ob Sie granteln und jeden zum Lästern über die Feier anstacheln, am Handy gelangweilt spielen oder den Ort des Abends wechseln – der Gastgeber wird bestimmt nicht begeistert sein, egal wie sanft Sie ihm Ihre Argumente darstellen.“ Für die Freundschaft mit ihm förderlicher sei es, „bis kurz nach Mitternacht zu warten“.
(MÖGLICHES ENDE hier bei 4780 oder - gekürzt - 4380 oder weiter)
Wem das partout nicht behage, dem sei Schmidts „nicht ganz ernst gemeinster Tipp“ verraten: „Schaffen Sie sich einen Hund an, bringen Sie Kinder in die Welt oder beherbergen Sie Schwiegermütter“ – zu ihnen allen müsse man nämlich bisweilen wirklich heim, warum also nicht auch ausgerechnet am Silvester-Abend.
Doch wer verfrüht von dannen zieht, der verpasst womöglich ein kleines Wunder: dass sich nämlich zum Beispiel „eine Hochzeitsgesellschaft vom eher gelangweilten Rumsitzen plötzlich zum wilden Abfeiern wandelt, nachdem eine 15-Mann-Gruppe weg war“. Der Benimm-Berater hat es selber erlebt. Wie tröstlich.
(insgesamt 5400 Anschläge)
