Neue Wälder für die Welt

Weltweit sollen bis zum Jahr 2020 abgeholzte, niedergebrannte oder geschädigte Wälder auf einer Fläche von 1,5 Millionen Quadratkilometern wieder aufgeforstet werden. Das entspräche dreimal der Fläche Spaniens. Dafür haben sich Anfang September die Teilnehmer der Konferenz „Bonn Challenge on forests, climate change and biodiversity“ (Wälder, Klimawandel und Naturvielfalt) starkgemacht – eine Gruppe aus sechzig Wissenschaftlern und zwanzig Vertretern von Regierungen, der Weltbank und aus der Wirtschaft.

„Die Waldaufforstung ist einer der konkretesten Ansatzpunkte einer Politik gegen Klimawandel und Artenschwund“, sagt Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), der den Plan in Bonn vorgestellt hat – zusammen mit dem früheren schwedischen Ministerpräsidenten Göran Persson und dem Vorsitzenden der Internationalen Naturschutzunion IUCN, dem Inder Ashok Khosla. Flächen im Gesamtumfang von 1,5 Millionen Quadratkilometern (150 Millionen Hektar) wieder aufzuforsten, sei „ein Ziel, das wir uns zutrauen“.

Das klingt nach einer weiteren Absichtserklärung zur Rettung des Klimas und der verbliebenen Natur – nach vielen nicht sonderlich wirksamen Vorstößen bislang. Warum also nun auch noch die Initiative zur Aufforstung? Nach Ansicht des deutschen Umweltministers schon deshalb, „weil  sie etwas konkret macht, weil sie die staatlichen und alle anderen Akteure zusammenbringt“. Vertragswerke wie solche zum Schutz des Weltklimas oder der Arten- und Lebensraum-Vielfalt müssten „mit Leben gefüllt werden“, um zu wirken.

Das Problem ist gewaltig: Etwa 30 Prozent der ehemaligen Wälder der Erde sind durch menschliche Eingriffe bereits verschwunden, weitere 20 Prozent sind erheblich geschädigt. Derzeit werden jährlich nach Schätzungen der Vereinten Nationen noch immer etwa 130.000 Quadratkilometer an meist ursprünglicher Waldfläche abgeholzt oder niedergebrannt – eine Fläche von der Größe Griechenlands. „Diesen massiven Verlust an Wäldern können wir nicht länger hinnehmen“, sagt Röttgen.

Allerdings, denn wo Wälder fehlen, mangelt es – aus menschlicher Sicht – an Holz als Brenn- und Baustoff, an essbaren Früchten, an genetischem Material mit ungeahnten Nutzungsmöglichkeiten, zudem an Wasser und an Flächen zur Erholung und zum Klima-Ausgleich, aber auch an gesicherten Böden und an Tieren und Pflanzen, die auf Waldökosysteme angewiesen sind. Gewaltig ist außerdem die Menge an klimaschädlichen Kohlendioxid, das in natürlichen oder naturnahen Wäldern mit alt werdenden Bäumen auf lange Zeit unschädlich gebunden ist.

Nach einer neuen Studie können 20 Millionen Quadratkilometer ehemalige Waldflächen wiederhergestellt werden – deutlich mehr als bisher angenommen. Das entspräche einer Fläche, die größer ist als Südamerika. Beteiligt an der Studie waren neben der IUCN das Welt-Ressourcen-Institut (WRI) als weltweit orientierte, umweltpolitische Denkwerkstatt sowie die Universität von South Dakota in Vermillion/USA.  „Die Ergebnisse sind mit Vorsicht zu interpretieren“, räumen die Verfasser allerdings ein. Denn die Weltkarte möglicher Wiederaufforstungen beruhe auf „beträchtlichen Vereinfachungen“ und die Datenlage sei beschränkt gewesen, so dass „viele wichtige Faktoren nicht berücksichtigt werden konnten“ – etwa die jeweiligen Landbesitz-Verhältnisse.

In Afrika zum Beispiel könnten der Studie zufolge fast 7,2 Millionen Quadratkilometer zumindest teilweise wieder aufgeforstet werden, darunter 1,15 Millionen nahezu vollständig, weil es sich um dünnbesiedelte Regionen mit wenig konkurrierenden Nutzungsformen handelt. Auf rund 6 Millionen Quadratkilometern in Afrika könnten zumindest inselartig wieder Wälder wachsen, notwendigerweise kombiniert mit anderen Nutzungen. In Süd- und Ostasien sind es 4 Millionen Quadratkilometer (1,5 vollständig, 2,5 inselartig) und in Lateinamerika 5,5 Millionen Quadratkilometer (1 größtenteils, 4,5 inselartig). Insgesamt sollen etwa 20 Millionen Quadratkilometer Land weltweit sich grundsätzlich wieder in Wald oder mit Wald durchsetztes Nutzland zurückzuverwandeln lassen.

„Stolz“ zeigte sich Norbert Röttgen darauf, dass es bereits Zusagen von Ländern wie Ruanda und Japan gebe, verlorene Waldgebiete aufzuforsten. Der Senat der Wirtschaft, eine Gruppe von Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft, habe das Programm „Welt-Wald-Klima“ entwickelt, in dessen Rahmen deutsche Firmen in den Wiederaufbau von Wäldern investieren wollen – bisher zusagt sind 20 Millionen Euro. Und der Flugzeugbauer Airbus steuere eine weltweite Werbe-Kampagne „zur Bewusstseinsbildung“ bei.

Das klingt recht überschaubar. Doch erstens ist die Initiative noch neu, und zweitens gehe es bei ihr „nicht nur ums Geld“, sagt Röttgen. „Wir sind keine Geldsammelstelle.“ Vielmehr müsse sich „die Politik ändern – das ist das Entscheidende.“ Deshalb sei es so wichtig, dass „Bonn Challenge“ von angesehenen Politikern mit Regierungserfahrung unterstützt werde, darunter Schwedens Ex-Premier Göran Persson, der inzwischen zu Hause Landwirtschaft betreibt.

Dieser hält die Initiative für „kühn, aber machbar“. Sie sei ein konkreter Schritt, auch um weltweit die Armut zu bekämpfen. Doch ein Erfolg setze Gestaltungswillen voraus und die Mithilfe von ehemaligen Staatspräsidenten, Finanzministern und anderen erfahrene Politikern. „Es ist einfach zu sagen, was getan werden muss, aber schwer, es dann auch zu tun“, räumt Persson ein. „Dazu braucht man treibende Kräfte.“ Deshalb will er einen Weltbeirat gründen, um den Wiederaufbau vernichteter Wälder voranzubringen. Eile tut auch not. „Uns läuft die Zeit davon, den Klimawandel zu stoppen, und trotzdem steht das Thema noch nicht an der Spitze der politischen Agenda“, warnt der schwedische Sozialdemokrat.

Persson rät dazu, nicht immer von den hohen Kosten solcher Umweltinitiativen zu sprechen, sondern Ausgaben für Waldpflanzungen als Investition in die Zukunft „mit guter Rückzahlung“ zu betrachten. Und Röttgen verweist darauf, dass es mehr kosten werde, „wenn wir die Wiederaufforstung unterlassen“. Höchstwahrscheinlich sogar sehr viel mehr, denn baumlose Länder machen ihre Bewohner arm und verlieren durch Erosion rasch das wichtigste Gut überhaupt: fruchtbaren und Wasser speichernden Boden – noch heute zu betrachten in entwaldeten Ländern rings ums Mittelmeer.

Die Bundesrepublik hingegen hat in hohem Maße davon profitiert, dass Forstwissenschaftler wie Georg Ludwig Hartig (1764-1837) hier die nachhaltige Waldwirtschaft erfunden haben – wenn auch nach Jahrhunderten massiver Abholzung und notgedrungen, weil Bau- und Brennholz fehlte. „Deutschland hatte vor zweihundert Jahren viel weniger Waldfläche als heute“, sagt Norbert Röttgen, und noch immer lege sie „in Quantität und Qualität zu“. Wiederaufforstung sei mithin möglich, auch parallel zum Auf- oder Ausbau der Industrie. „Wir haben auch den entwaldeten Schwarzwald wiederhergestellt.“ Man muss es halt nur wollen – und freilich auch  die Mittel dazu haben.

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Infos zur Aufforstungs-Initiative (auf Englisch): www.wri.org/restoring-forests und http://www.ideastransformlandscapes.org