Kalt erwischt

Es begann im vergangenen Sommer. Sie war mit ihren Freundinnen im Freibad, schwamm und planschte im kühlen Nass, wie Wasserratten es nun mal tun. „Plötzlich habe ich gemerkt, wie meine Beine langsam taub geworden sind“, erinnert sich Silja. „Und meine Finger sind angeschwollen, so dass ich gar keine richtig Faust mehr machen konnte.“ Als die 13Jährige aus dem südlichen Rheinland beunruhigt das Becken verließ, sah sie die Quaddeln auf ihrer Haut. „Die waren überall, vor allem aber an den Händen und Füßen. Und dann kamen noch Kopfschmerzen dazu, und mir wurde schwindlig.“ Silja duschte erst einmal lange. „Nach einer Stunde oder so ist es besser geworden mit dem Jucken und den Schwellungen.“ Doch die Empfindlichkeit für Kälte ist geblieben.

Jetzt, im Winter, fühlt sich das Gesicht des Mädchens im Freien taub an, „als hätte ich so eine Gummi-Maske drübergezogen“. Silja, die in Wahrheit anders heißt, mummelt sich immer gut ein, wenn sie nach draußen geht. Schon das ist lästig genug, doch die eigentliche Enttäuschung kam, als sie mit ihrer Klasse Anfang Februar in den Wintersport fahren wollte. Die Ärzte rieten davon ab, nachdem ein Hauttest ergeben hatte, dass die Schülerin an einer Kälte-Urtikaria leidet, einer speziellen Form der Nesselsucht. Weder durfte sie mit in die Alpen fahren, noch bekam sie statt dessen schulfrei.

Der Begriff Nesselsucht ist – wie auch das Wort Urtikaria – von den Brennnesseln (Urtica) abgeleitet. Auch wer sich an den Brennhaaren dieser Pflanzen verätzt, sieht bald die typischen Quaddeln auf der Haut, umgeben von einer juckenden Rötung. Die mit Flüssigkeit gefüllten Bläschen können zwar auch durch allergische Reaktionen auftreten, wenn bestimmte Nahrungsmittel, Duftstoffe oder Medikamente nicht vertragen werden. Doch Menschen mit einer Kälte-Urtikaria (KU) sind keine Allergiker – weshalb auch der geläufige Begriff „Kälte-Allergie“ irreführend ist.

Die Bläschen und Hautrötungen können nämlich auch von physikalische Reizen hervorgerufen werden, etwa von Licht, Druck oder Röntgenstrahlen, aber auch durch Wärme und Kälte. Fachleute sprechen von einer Schein-Allergie. Denn erstens reagiert der Körper hierbei nicht auf eine unverträgliche Substanz, sondern auf nichtstoffliche Reize. Und zweitens stellt das Immunsystem dann keine Antikörper her, also keine speziell zur Abwehr gedachten Eiweißstoffe wie das bei Allergien typische Immunglobulin E.

Der Effekt für Betroffene ist jedoch im Wesentlichen gleich: Mastzellen der Haut setzen den Botenstoff Histamin frei, der wiederum Entzündungsreaktionen in Gang setzt und Juckreiz auslöst. Und so ein Jucken könne „schlimmer als Schmerzen” sein, sagt der Gießener Hautmediziner Uwe Gieler.

Wie viele KU-Geplagte hierzulande leben, ist unklar. „Es gibt kaum Studien hierzu“, sagt Marcus Maurer, der als Professor für dermatologische Allergologie die Urtikaria-Sprechstunde an der Berliner Charité leitet. „Schätzungen gehen von mehreren zehntausend bis hunderttausend Fällen in Deutschland aus.“

Bei den meisten Betroffenen führt die Kälte unmittelbar dort, wo sie einwirkt, innerhalb von wenigen Minuten zu den erwähnen Rötungen und Quaddeln, etwa wenn ein Schneeball auf die Haut trifft oder ein kalter Schlüssel sie berührt. Auch eine plötzliche, kalte Bö kann die Symptome hervorrufen – wie auch schlicht kalte Luft, die unbedeckte Hautpartien auskühlt. „Bei manchen Patienten entwickelt sich diese Reaktion erst dann, wenn sie nach dem Aufenthalt in der Kälte in einen warmen Raum kommen“, berichtet der Dermatologe Jürgen Grabbe vom Kantonsspital Aargau in einem Fachbuch. Jedoch ist längst nicht immer das Erreichen oder Unterschreiten einer bestimmten Mindesttemperatur in der Umgebungsluft entscheidend dafür, ob Histamin ausgeschüttet wird und die Entzündungsreaktion anläuft. Bewirken kann das schon ein markanter Wärmeverlust der Haut wie beim Verdunsten von Schweiß.

Schütten die Mastzellen sehr viel Histamin aus, wird der Botenstoff zum Gift. Dann kann der Blutdruck bedrohlich sinken, manchmal bis zum Organversagen. Auch Atemnot, ein beschleunigter Puls („Herzrasen“) sowie Erbrechen können die teils gefährlichen Folgen eines solchen Schocks sein. Bei manchen echten Allergikern reicht dazu ein Wespenstich; für Menschen, die überaus heftig auf Kältereize reagieren, kann bereits der Sprung in kühles Wasser lebensgefährlich sein, weil die Histaminflut im Körper die Adern weitet, den Blutdruck absacken lässt und die Schwimmer bewusstlos macht.

Eine KU ist kein Kinkerlitzchen. „Fasttodesfälle sind häufig, notfallärztliche Behandlungen auch“, sagt Marcus Maurer von der Charité. Zwar kenne er selber keinen Todesfall. „Ich vermute aber, die Dunkelziffer ist erheblich.“ So mancher, der vermeintlich grundlos nach einem Sprung ins Wasser nicht mehr auftauchte, könnte das Opfer eines pseudo-allergischen Schocks geworden sein.

Wer bereits die beklemmende Erfahrung machen musste, dass selbst ein kühles Bier die Schleimhaut in Mund und Rachen anschwellen lässt, sollte gewarnt sein. Denn diese Reaktion deutet womöglich an, dass ein bislang stets unbedenklicher Hüpfer vom 5-Meter-Brett künftig böse enden könnte – oder das nächste kalte Getränk. Gefährlich für solche Menschen können auch kühle Infusionen sein.

Vor allem wer auf Kälte extrem mit Nesselsucht reagiert, sollte für alle Fälle zwei Notfallmedikamente griffbereit haben. Die Mediziner vom Berliner „urticaria network“, zu dessen Vorstand auch Marcus Maurer gehört, empfehlen ein möglichst flüssiges Cortison-Präparat sowie einen Histamin-Rezeptoren-Blocker, wie ihn Dermatologen auch therapeutisch einsetzen. Solche Mittel hemmen oder unterbinden die Wirkung des bei Kältereizen ausgeschütteten Histamins, müssen aber vorbeugend eingenommen werden – und das jedes Mal wieder, da sie nur Symptome lindern. Auch das Bestrahlen mit UV-B-Licht „kann funktionieren“, sagt Maurer, sei aber „kein Standard“.

In etwa einem Drittel der Fälle hat sich die Gabe von Penicillin bewährt, sofern es gespritzt oder per Infusion verabreicht wird. Unklar ist noch, warum Penicillin oder andere Antibiotika, so genannte Tetrazykline, wirken können. Sollten tatsächlich bisher unerkannte Entzündungen im Körper die KU ausgelöst haben, könnte mit der geheilten Grunderkrankung auch die Schein-Allergie verschwinden.

Schließlich lässt sich eine größere Toleranz gegenüber Kälte auch erlernen, indem der Körper immer tieferen Temperaturen ausgesetzt wird, zum Beispiel durch mehrfaches Duschen am Tag. Der Aargauer Hautmediziner Jürgen Grabbe merkt jedoch an, dieses mühsame Vorgehen sei „nur selten auf Dauer praktikabel“. Und auch Marcus Maurer sagt, die Methode sei zwar in Skandinavien beliebt, doch hielten Patienten die Abhärtung „in der Regel nicht lange durch“.

Durchschnittlich sieben Jahre lang plagt des Leiden die Betroffenen, nach zehn Jahren sind die meisten es wieder los – und irgendwann laut Maurer sogar „100 Prozent“. Vielleicht ist das ja ein Trost.

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Riskante Kälte

Die Kälte-Urtikaria wird im Laufe des Lebens erworben, von Frauen etwa doppelt so oft wie von Männern und in kalten Ländern häufiger als in wärmeren. Ob sie vorliegt und ab welchen Temperaturen die Haut eines Betroffenen reagiert, können Hautärzte mit Eiswürfeln herausfinden, die unterschiedlich lange auf den Unterarmen dahinschmelzen. Ähnlich funktionieren Armbäder in verschieden kühlen Wasserbädern. In seltenen Fällen schafft auch erst der Aufenthalt in einer speziellen Kältekammer Klarheit.

Der Berliner Hautmediziner und Allergologe Marcus Maurer empfiehlt in schweren Fällen die Behandlung an den Urtikaria-Spezialzentren der Universitäts-Hautkliniken in Mainz oder Berlin (Charité), wo er selber tätig ist. Betroffene sollten vor allem darauf achten, „rasche Temperaturunterschiede von warm nach kalt“ zu vermeiden. Zu vermeiden sind also beispielsweise gekühlte Getränke, Eiskrem oder kaltes Abbrausen nach einer warmen Dusche.

Ausführliche Infos unter: www.urtikaria.net

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