Jägersprache hat viel auf der Pfanne

Der Fachjargon der Jäger hat die deutsche Sprache derart bereichert, dass man sich fragen kann, wie arm sie ohne all die Redensraten der Grünröcke wäre. Der folgende Beispieltext ist mit Fachausdrücken zwar künstlich überfrachtet, wirkt aber dennoch vertraut, weil alle 18 Begriffe oder Wendungen geläufig sind:

Wer einen unliebsamen Minister, der schon lange auf der Abschussliste steht, gerne aus dem Amt befördern möchte, sollte ordentlich Zielwasser getrunken haben, bevor er auf die Pirsch geht, sonst geht der Anvisierte durch die Lappen – wenn er nicht schon vorher Lunte gerochen hat. Wer den Mann also – und zwar möglichst Knall auf Fall – zur Strecke bringen will, sollte etwas auf der Pfanne haben, denn schlaue Politiker sind wachsam wie  Schießhunde, halten die Löffel gespitzt und bekommen leicht Wind von einer drohenden Hetzjagd auf sie. So kann es passieren, dass am Ende sie selber am Drücker sind. Wenn der Angreifer Glück hat, geht der ihm geltende Schuss in die Binsen und er muss bloß Federn lassen. Landet der Minister aber einen Blattschuss, bleibt dem Opfer nur noch der letzte Bissen, und der Minister kann sich an seinem Sieg weiden.

„Die Jägersprache ist sehr bildhaft“, sagt Torsten Reinwald, Sprecher des Deutschen Jagdschutz-Verbandes (DJV) in Bonn. Vergleichbar und ähnlich bedeutsam sind die ebenfalls tief in der deutschen Sprache verwurzelten Fachjargons der Soldaten (zum Beispiel „Flinte ins Korn werfen“) und Bauern („Ernte einfahren“).

Selbst manches alltägliche Verb stammt aus der Jägersprache – so etwa „aufstöbern“, das Aufjagen eines am Boden ruhenden Wildtiers mit dem Stöberhund, oder auch „abfangen“.  Darunter versteht man das im Mittelalter bis etwa ins 17. Jahrhundert gängige Töten des Schalenwildes mit einer blanken Waffe – zum Beispiel eines Hirschs mit dem Nicker oder Hirschfänger, einem großen Jagdmesser mit feststehender Klinge, oder einer Wildsau mit dem Saufänger.

„Das Abfangen kommt aus der Zeit,  als es noch keine Schusswaffen gab; da wurde der Hirsch auf Hetzjagden solange verfolgt, bis er nicht mehr konnte, und dann von vorne möglichst direkt ins Herz gestochen“, erklärt Torsten Reinwald die heute hierzulande nicht mehr erlaubte Hetzjagd. Insofern waren mit einem Nicker bewaffnete Waidmänner damals regelrechte Abfangjäger. Wer heutzutage ungeduldig den Briefträger schon am Gartentor abfängt, macht sich freilich in aller Regel nicht strafbar.

Nun gibt es unter den laut DJV über 6000 Jäger-Vokabeln allerdings auch ungeheuer viele, die Laien nicht kennen oder über die sie eine falsche Vorstellung hegen. Zu den bekannteren der ungewöhnlichen dürfte noch die Blume gehören, also der Schwanz des Hasen oder Kaninchens.

Wiederum ist das „Sauwetter“ allen Deutschsprachigen ein Begriff, doch nur scheinbar klar, denn was soll Regen mit Schweinefrauen zu tun haben? Gar nichts, doch einiges mit Jägern, denn diese können stetem Landregen durchaus etwas abgewinnen, tummeln sich dann doch nur wenige störende Spaziergänger im Wald, so dass die Waidmänner und -frauen den Wildschweinen ohne Rücksicht auf Verluste unter Wanderern und Dauerläufern auf den Pelz – pardon: die Schwarte – rücken können. 

Auf die falsche Fährte lockt – wieder so eine Jäger-Redensart – auch der so genannte Pensionshirsch. Das ist mitnichten ein mit viel Glück in die Jahre gekommener Waldbewohner mit wohlverdienter Schonzeit bis zum letzten Röhren, sondern ein Abschiedsgeschenk an einen aus dem Dienst geschiedenen Forstbeamten in Gestalt eines Trophäenträger-Abschusses. Der Senior im grünen Rock darf also garantiert ein stattliches Geweih ernten – nur treffen muss er noch. Waldökologisch sinnvoller wäre freilich das Erlegen eines Jungtiers, da ausreichend Pensionshirsche nur um den Preis vieler jüngerer Hirsche und Hirschkühe zu haben sind, und diese knabbern an der Waldverjüngung.

Wenn ein angeschossenes Reh schweißt, dann transpiriert es zum Erstaunen vieler Nichtjäger keineswegs, sondern blutet aus der Schusswunde. Die Blutspur, die es bei der Flucht hinterlässt, verfolgt der Schütze mit Hilfe speziell ausgebildeter Schweißhunde (Bluthunde) und leistet dabei in zweifacher Hinsicht Schweißarbeit.

Im Bestreiten irgendwelcher Aussagen sind viele Menschen geübt. Doch im Jägersprech bedeutet „bestreiten“ etwas völlig anderes, nämlich das fruchtbare Begatten einer bestimmten Anzahl Fasanenhennen durch einen männlichen Fasan. Wer hätte das gedacht! Oder auch, dass Jäger unter Bisten das Lockrufen des Haselhahnes verstehen. Und unter einem Blatter nicht etwa den Präsidenten des Weltfußballverbandes FIFA, sondern ein Instrument zum Nachahmen von Lauten der Ricke, mithin des weiblichen Rehs.

Bisweilen klingen die lodengrünen Redensarten seltsam umständlich. Ein Jäger, der einem Hirsch den Schuss anträgt, feuert ganz schnöde auf ihn. „Den Schuss antragen“ klingt aber weniger derb und fast höflich. Hätte der Jagdmann beim Hirsch hingegen wirklich den Todesschuss beantragt, würde das Tier wohl dankend abgelehnt haben.

Wie jeder Fachjargon dient auch das Jägerdeutsch dazu, sich von anderen Berufsgruppen abzugrenzen. Doch das dürfte kaum der entscheidende Grund sein. „Jäger benutzen die traditionelle Fachsprache immer noch, um sich präzise untereinander zu verständigen“, sagt Torsten Reinwald. Für den Laien unverständlich heiße es zum Beispiel unter Jägern: „Der noch rote Hirsch zog orgelnd auf dem Wechsel in den Einstand.“ Übersetzt bedeute das: „Der Hirsch, noch in seinem Sommerfell, markierte laut röhrend sein Revier und ging dabei langsam einen Pfad entlang, den diese Tierart schon seit Generationen nutzt, in jenen Waldteil, den er tagsüber bevorzugt aufsucht.“ Sag ich doch!, könnte jetzt ein Jäger rufen. 

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Hinweis:

Ein Katalog der Jägersprache steht im Netz unter: http://jagd.de/service/lexikon/sprache_s

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(KASTEN)

Jäger-Deutsch: die Vobabeln des Textbeispiels

Abschussliste: Die Jagdbehörde muss für ein Revier einen offiziellen Abschussplan genehmigen; nur dass, was auf der Liste steht, darf geschossen werden.

Zielwasser: Vor (und auch nach) der Jagd, trinken manche Jäger gerne einen Schnaps. Vorher genossen, beruhigt das duftende Wässerchen die Schützen, so dass sie ruhigere Hände haben.

Pirsch: Vorsichtiges, möglichst geräuscharmes Begehen des Reviers, um das Wild beobachten und gegebenenfalls bejagen zu können, bevor es fliehen kann.

Durch die Lappen gehen: Der Ausdruck stammt aus der Zeit der so genannten Lappjagden im 17. Jahrhundert, bei denen rings um das zu bejagende Waldstück kilometerlange Leinen mit daran baumelnden bunten Lappen aufgehängt waren. Vor diesen scheute das Wild oft zurück, wodurch es den Schützen vor die Gewehr- und Flintenläufe lief. Bisweilen klappte der Trick nicht, und das Wild entwischte unter den Schnüren hindurch, ging also durch die Lappen.

Lunte riechen: Die ersten Gewehre, wie sie noch bis etwa zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) üblich waren, wurden noch nicht mit einem per Feuerstein losgeschlagenen Funken abgefeuert. Sondern es musste das Pulver mit einer Lunte gezündet werden. Als solche benutzten Schützen eine in Salpeter getränkte Baumwollschnur. Diese eigentümlich riechen Lunte konnte das Wild manchmal riechen und floh.

Knall auf Fall: Vom knallenden Schuss getroffen fällt das Wild zu Boden. Oft sind Gewehrkugeln (etwa 500-900 Meter pro Sekunde) deutlich schneller als der Schall (343 Meter pro Sekunde in 20 Grad Celsius warmer Luft). Wer das aus weiter Ferne beobachtet, sieht das Tier zu Boden stürzen, bevor er den Knall (auf den Fall hin) hört. Das aber ist erstens stark abhängig von den Positionen der drei Beteiligten; und zweitens – sofern hieß die Wendung vor dem 20. Jahrhundert einmal „Knall und Fall“ und bedürfte somit keiner schallphysikalischen Erklärung.  

Zur Strecke bringen: Zur Strecke werden nach Abschluss der Jagd alle erlegten Tiere aufgereiht.

Etwas auf der Pfanne haben: Bei sehr alten Gewehren wurde das Schießpulver in die Gewehrpfanne gefüllt – nur wer etwas „auf der Pfanne“ hatte, war schussbereit, hatte sich als gut vorbereitet.

Wachsam wie ein Schießhund: Jagdhunde müssen aufmerksam sein und dürfen erst nach dem Schuss nach der Beute suchen.

Die Löffel spitzten: Hasen, die nach bedrohlichen Geräuschen ihrer Fressfeinde lauschen, richten ihre Ohren („Löffel“) auf.

Von etwas Wind bekommen: Wild kann den Körpergeruch eines Feindes durch Luftzug früh  wittern. Deshalb schleichen sich Beutegreifer (oder Jäger) gerne gegen den Wind an.

Hetzjagd: in früheren Jahrhunderten erlaubte, in Deutschland verbotene Jagdform mit hetzenden Hunden

Am Drücker sein: den Finger am Abzug des Gewehrs oder der Schrotflinte haben

In die Binsen gehen: Trifft ein Schütze eine Ente nicht gleich tödlich, droht diese in die auch für Hunde schwer zugänglichen Binsen (oft hohe Gräser) am Gewässerrand zu flattern – und ist nicht selten für den Jäger verloren.

Federn lassen: nur leicht getroffenes Flugwild büßt nicht das Leben, aber etwas vom Gefieder ein.

Blattschuss: für das Wild meist tödlicher, weil die Lunge oder das Herz verletzender Treffer im Bereich des Schulterblatts oder am Vorderrumpf

Letzter Bissen: respektvoller Ritus von Jägern, die dem erlegten Wild einen abgebrochenen Zweig („Bruch“) in den Äser, also das Maul, stecken – quasi zur Versöhnung mit ihrer Beute. Als waidgerecht gelten Zweige Brüche von Fichte, Kiefer, Tanne, Erle und Eiche; notfalls können auch andere Baumarten genutzt werden.

Weiden:  Nahrungsaufnahme bei Dachs und Fasan sowie Reb- Hasel- und Schneehuhn

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