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Hebt hoch eure Füße!
Es marschiert noch immer, wenn auch bloß auf kurzen Videos im weltweiten Netz. Doch ansonsten ist das Wachregiment „Friedrich Engels“ der Nationalen Volksarme der DDR längst Geschichte. Bis zum 3. Oktober 1990 führten seine Soldaten jeden Mittwoch und Samstag um 14.30 Uhr an der Neuen Wache in Berlin vor, wie zackig es gerade im Sozialismus zugehen konnte.
Der „Große Wachaufzug“, ausgeführt von einer eigens angerückten Ehrenformation des Wachregiments, war ein Spektakel. Drei Soldaten, in der Linken das Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett, verließen die geschlossene Reihe und staksten los. Dabei schnellte das jeweils freie Bein aus der Hüfte in die Waagerechte, so dass die Stiefelspitze gen Himmel wies. Vor der 1818 fertiggestellten Neuen Wache angekommen, lösten sie die dort postierten Soldaten ab, woraufhin diese es ihnen beim Zurückmarschieren in die Formation gleichtaten.
Ihr Stechschritt wirkte auf westliche Beobachter seltsam aus der Zeit gefallen und mechanisch – ganz so, als marschierten hier keine Menschen, sondern aufgezogene Blechsoldaten. Dabei war der anstrengende Paradeschritt im 20. Jahrhundert unter den Armeen autoritär regierter Staaten weit verbreitet. Nicht nur die deutsche Wehrmacht im Dritten Reich praktizierte ihn; typisch war er auch für die Armeen des früheren Warschauer Paktes, und noch heute pflegen ihn Truppen wie jene Nordkoreas, Weißrusslands oder Chinas.
Selbst im demokratischen Chile sieht man ihn noch, etwa bei den jährlichen Militärparaden zum Nationalfeiertag am 18. September. Nach Worten des Freiburger Militärhistorikers Karlheinz Deisenroth wirken die herausgeputzten Soldaten dabei, als marschierten „die Preußen oder die Wehrmacht vorbei“, übrigens auch in punkto Uniformierung und Marschmusik. Nicht umsonst gelten die Chilenen bisweilen als die Preußen Südamerikas, und tatsächlich waren es preußische Offiziere, die Chiles Militär Ende des 19. Jahrhunderts ausbildeten.
In Wahrheit haben die echten Preußen den typischen Stechschritt gar nicht erfunden. Ihr so genannter Exerzierschritt wirkte weit weniger übertrieben als der Paradeschritt sozialistischer Prägung und war im Kern ein weit ausgreifender Gleichschritt. Übernommen hatte ihn das preußische Heer im 18. Jahrhundert wahrscheinlich von niederländischen Truppen, vermutet Deisenroth.
Zum preußischen Standard gemacht hat den Gleichschritt Leopold I. Fürst von Anhalt-Dessau (1676-1747). Der „alte Dessauer“, wie der General und Heeresreformer unter dem „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. genannt wurde, erkannte rasch, wie sinnvoll die rhythmische Marschierweise bei Kämpfen war. „Der Gleichschritt sollte die weit auseinandergezogenen Linien beim schnellen Vormarsch zusammenhalten“, sagt Deisenroth. Zudem wuchs so die Feuerkraft im Gefecht, weil die Schützen im Gleichtakt nachladen und in geordneter Linie schießen konnten, ohne einen vor ihnen zielenden Kameraden zu gefährden. „Noch im 17. Jahrhundert hatten die mit Feuerwaffen ausgestatteten Soldaten eher unkontrolliert geschossen“, fügt der Fachmann für militärische Zeremonien hinzu.
Damit alle nötigen Handgriffe saßen, ließ Fürst Leopold die preußischen Truppen immer wieder drillen. Der Gleichschritt war ein wichtiger Teil solcher Übungen. Das preußische Exerzier-Reglement von 1726 beschreibt ihn so, dass „bey allen Tritten die Beine wohl aufgehoben und starck und zugleich zugetreten werden“ sollte. „Doch das war kein Stechschritt, wie man ihn bei Militärparaden in Nordkorea heute noch sieht“, sagt Deisenroth. Die preußischen Soldaten des 18. Jahrhunderts lernten vielmehr, die Stiefelspitzen beim Vorrücken nach vorne zu richten, nicht nach oben. „Mit gestrecktem Fuß war der Geländegewinn beim Marschieren maximal“, sagt der Reserveoffizier. Und darum sei es gegangen: mit möglichst wenig Kraft die größte Wirkung zu entfalten, weswegen es beim Gleichschritt auch nicht darum gehe, „die Stiefelsohlen auf den Boden zu knallen“. Der spätere Stechschritt hingegen sei ein „martialischer Auswuchs“ gewesen, der dem militärischen Gegner imponieren sollte, gerade bei bedrohlich wirkenden Waffenschauen.
Beeindruckend wirkt auch das markante, einheitliche Schrittgeräusch, das „die absolute Disziplin und Überlegenheit“ einer so marschierenden Fußtruppe „noch unterstreichen soll“, sagt ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums. Der Stechschritt sei beim Aufbau der Bundeswehr vor über fünfzig Jahren bewusst nicht übernommen worden, um sich „vom militärischen Zeremoniell der Wehrmacht abzugrenzen“.
Dass auch die Armee der Bundesrepublik bis heute den weniger markanten Gleichschritt einübt, hat einen simplen Grund: Nur so sei eine „geordnete und schnelle Truppenbewegung möglich“, sagt der Sprecher, selber Oberstleutnant bei der Bundeswehr. „Beim Fußmarsch sorgen geordnete Reihen dafür, dass Marschführer die Übersicht behalten und die so in Bewegung gesetzten Soldaten zügig und zeitgerecht am Ort ihrer Bestimmung eintreffen.“ Nur so träfen Fußtruppen zu einer bestimmten Zeit und sofort einsatzbereit „an einem vorab festgelegten Ort ein“.
Karlheinz Deisenroth hält das Marschieren per Gleichschritt außerdem für ein Mittel, um Soldaten zu disziplinieren: „Das schweißt zusammen; die Gemeinschaft bildet sich beim Marsch“. Im Ersten Weltkrieg zum Beispiel hätten deutsche Offiziere ihre Truppen hinter der Front exerzieren und marschieren lassen, wenn die Moral der Soldaten erschüttert war. Insofern sei das Exerzieren im Gleichschritt auch ein „altes psychologisches Mittel“, sagt der 67Jährige Militär-Experte.
(5530 Anschläge)
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(Kasten I)
Beeindrucken oder ehren?
Selbst wenn das Marschieren im Gleichschritt bei der Bundeswehr die Fußtruppe überwiegend dazu befähigen soll, im Kampf rasch und zeitlich vorhersehbar von A nach B zu gelangen, so gehört die Gangart dennoch auch zum Ablauf verschiedener militärischer Zeremonien. Dies gelte zum Beispiel für „Flaggenparade, militärisches Ehrengeleit und Großen Zapfenstreich“, heißt es beim Bundesverteidigungsministerium.
Auch beim Empfang von Staatsgästen marschiert der militärische Vorgesetzte des Wachbataillons der Bundeswehr gemessenen Schrittes hinter dem politischen Gast und seinem Gastgeber her, wenn die beiden die Ehrenformation abschreiten. Ein solches Zeremoniell habe in Deutschland wie in anderen modernen Demokratien nicht zum Ziel, den Präsidenten oder Regierungschef eines Landes buchstäblich mächtig zu beeindrucken. Es geht vielmehr „darum, ihm Reverenz zu erweisen“, sagt der Freiburger Militärhistoriker Karlheinz Deisenroth. Der Gast solle sehen, „dass er friedlich empfangen wird“, weshalb die Waffen auch ungeladen präsentiert würden.
Kritischer sieht das der Politologe Markus Euskirchen von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin. „Im Militärritual präsentiert sich der moderne Nationalstaat, indem er sein Gewaltpotential rituell zur Schau trägt“, heißt es in Euskirchens Doktorarbeit über Militärrituale. Diese seien auch heute noch „Herrschaftsinstrumente“. Zu ihnen zählt Euskirchen auch das Ablaufen der militärischen Ehrenformation, vereine dieses doch „Elemente von Drohung (schau, wie stark wir sind) und Beschwichtigung (das hier ist Dir zu Ehren)“. Letztlich müsste man die Staatschefs aber wohl selber fragen, wie sie die Prozedur empfinden.
(1670 Anschlägen)
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(Kasten II)
Wie die Bundeswehr marschiert
In der Bundeswehr wird im so genannten Formaldienst zwischen dem Marsch „Im Gleichschritt“ und dem Marsch „Ohne Tritt“ unterschieden. Der Marsch beginnt grundsätzlich aus der Grundstellung, ausgenommen ´Ohne Tritt – Marsch!` als Befehl im Gelände. Einen Exerzierschritt (vergleichbar dem Stech- oder Paradeschritt) kenne die Formaldienstordnung der Bundeswehr nicht, teilt ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums auf Anfrage mit. Nur für das Wachbataillon gälten „ergänzende Bestimmungen für das formale Verhalten im protokollarischen Dienst“.
Die Schrittfrequenz werde bei Märschen in Schritt pro Minute angegeben. „In der Bundeswehr wird mit einer Schrittgeschwindigkeit von 114 Schritten in der Minute marschiert“, sagt der Ministeriumssprecher. Diese Festlegung sei „aus der Tradition deutscher Militärmusik erwachsen“.
Grundsätzlich beträgt eine Schrittlänge bei der Bundeswehr etwa 80 Zentimeter. Gemessen wird der Abstand zwischen zwei Bodenberührungen des linken Beines. Dies sei jedoch nur ein Grundmaß, da die wirkliche Schrittlänge „an die Anatomie des Menschen gebunden ist“.
(1100 Anschläge)


