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Einsamer Tunnelgräber
Hätte es für den schrulligen Einfallsreichtum der Natur noch eines Beweises bedurft, dann wäre der Silbergraue Erdbohrer einer der ganz heißen Anwärter dafür. Einem Blinden könnte man das vor allem in Malawi sowie in Mosambik, Tansania, Sambia, Kenia und dem Kongo verbreitete Wühltier vielleicht so schildern: Größe in etwa wie ein längliches Brötchen, graues bis hellbraunes Fell, maulwurfähnliche Pfoten mit spitzen Krallen sowie kaum erkennbare Augen und Ohren; außerdem eine rosige, wenn auch meist schmutzverklebte Nase und darunter je zwei himmel- und erdwärts weisende Nagezähne. In aller Kürze: hinten viel Haar, vorne vier Zähne.
Und was für welche! Kürzlich machte der auch Silbermull genannte Säuger erstmals von sich reden, nachdem Zoologen der Universität Lyon die Schädel von 55 Exemplaren unter einem Computertomographen untersucht hatten. Sie fanden heraus, dass der Nager – neben einigen Känguru- und Seekuh-Arten – zu jenen seltenen Lebewesen gehört, bei denen die hinteren Kauwerkzeuge immer wieder ersetzt werden. Das geschieht, in dem die fünf bis sieben Backenzähne auf jeder Seite des Mauls allmählich nach vorne wandern und hinten im Kiefer Platz für einen Neuzugang machen, während vorne im Maul der älteste Zahn ausfällt.
Ausgetauscht werden aber nur die Kauzähne. „Die Schneidezähne wachsen wie bei allen Nagern und Hasentieren ständig nach“, sagt der Evolutionsbiologe Laurent Viriot von der Universität Lyon. Die Mulle halten sie scharf, indem sie ihre vier Nagezähne im Schlaf geräuschvoll aneinander reiben – anders als beim Menschen ein gesundes Zähneknirschen.
Das lebenslange Ersetzen und Schärfen der Zähne ist für Silbermulle unerlässlich – schon weil die Tiere sich von verschmutzten Knollen, Wurzeln und Zwiebeln ernähren. Darüber hinaus gehören sie zu den so genannten Zahngräbern – anders als der zu den Handgräbern zählende Maulwurf. „Silbermulle graben ihre Höhlengänge auch während der Trockenzeit, wenn die Böden fast betonhart sind“, berichtet der tschechische Zoologe Radim Šubera von der südböhmischen Universität in Budweis. „Wir schätzen ihren Tagesfortschritt auf etwa 70 Zentimeter.“
Das ewige Lockern des Erdreichs mit den Schneidezähnen nutzt die Hauptwerkzeuge des kleinen Nagers mithin stark ab. Doch sie wachsen schnell nach: „Der sichtbare Zahnteil ist ein Produkt von nur einer Woche“, sagt der Zoologe Hynek Burda von der Universität Duisburg-Essen, der neben seinem früheren Doktoranden weltweit zu den wenigen Kennern dieser kaum erforschten Tierart gehört. Über sozial lebende Sandgräber-Arten wie Nackt- und Graumulle wissen Fachleute inzwischen deutlich mehr als über die Einzelgänger mit dem seidigen Fell.
In seinem Essener Institut hält Burda 14 Silbermulle, artgemäß getrennt in eigenen Terrarien, deren Böden etwa zehn Zentimeter hoch mit torfiger Gartenerde bedeckt sind. Der von Lampen gespendete Tag dauert hier etwa zwölf Stunden, ähnlich wie in der afrikanischen Heimat der Tiere. Das Licht brauchen jedoch eher die Forscher als die an Dunkelheit gewöhnten Mulle. Sie können ohnehin nur Hell von Dunkel unterscheiden und außerdem kurzwelliges Blaulicht wahrnehmen – was reicht, um in der Wildnis zu erkennen, ob der stets verschlossene Höhleneingang von einem Fressfeind geöffnet worden ist und der nunmehr schutzlose Gang rasch mit Erde verrammelt werden muss.
Am Institut verbringen die Einzelgänger ihre Zeit wesentlich damit, was sie am besten können: Sie bewegen emsig den lockeren Boden – immer abwechselnd mit ihren Vorder- und Hinterkrallen. In den Arbeitspausen schlafen sie oder knabbern an Kartoffeln und Salatblättern, Äpfeln und Möhren – an Wochenenden auch mal an einer leckeren Süßkartoffel. Dann und wann fiept es aus einem der Glaskästen. Bald sollen diese durch Röhren-Labyrinthe ersetzt werden, um den Mullen mehr Spielraum zu geben.
Wassernäpfe sucht man in ihren Unterkünften vergebens. „Die Mulle können auch gar nicht trinken“, sagt Burda. „Sie rühren Wasser nicht an.“ Was sie an Flüssigkeit brauchen, nehmen sie raspelnd bei ihren vegetarischen Mahlzeiten auf.
Nur an den Universitäten Duisburg-Essen und der südböhmischen Universität Budweis werden Silbermulle gehalten und erforscht – vielleicht kein Wunder, da ihre Nachzucht bisher nicht gelungen ist, ganz anders als bei Nackt- oder Graumullen. Dass Burda seine Studienobjekte mag, sieht man auch daran, wie behutsam er sie hält und streichelt. „Das sind einfach liebe Tiere. Man kann sie streicheln wie ein Meerschweinchen“, erzählt der 59Jährige.
Burdas Team erforscht, wie gut die Silbermulle hören, wie sie sich verständigen und ob sie – wie Graumulle auch – über einen Magnet-Sinn verfügen und ihre Gänge womöglich nach dem Erdmagnetfeld ausrichten. Untersucht wird auch ihr Energie-Stoffwechsel beim Buddeln, und zwar anhand des veratmeten Sauerstoffs und der Produktion von Kohlendioxid.
Es ist schwer sich vorzustellen, wie die Mulle in ihren engen Gängen genügend Atemluft zum Graben bekommen, während sie die bereits gegrabene Röhre hinter sich mit dem eigenen Körper ausfüllen – und also verstopfen. „Die Luft in den Gängen enthält weniger Sauerstoff, als die Luft am Gipfel des Mount Everest, dafür aber viel Kohlendioxid“, sagt der Essener Zoologe und verweist auf entsprechende Messungen. „Trotzdem arbeiten die Tiere unter diesen Umständen schwer.“ Durch die Bodenporen dringen kann der nötige Sauerstoff nicht – oder jedenfalls nicht nur –, denn die Tiere graben auch, wenn es regnet und Sickerwasser den Porenraum des Erdreichs ausfüllt.
In den Gängen der Silbermulle beträgt die Luftfeuchtigkeit selbst in Wüsten-Klimaten „über 90 Prozent, weshalb die Tiere auch nicht schwitzen können“. Überschüssige Körperwärme müssen sie mithin anders loswerden, vermutlich dadurch, dass sie den quasi heißgelaufenen Körper an die Gangwände lehnen, die oft nur etwa 19 Grad Celsius warm sind – und somit relativ kühl.
Die Essener und Budweiser Zoologen versuchen zudem zu klären, wie das Immunsystem der Mulle mit jenen Bakterien und Pilze klarkommt, die zuhauf in den gegrabenen Gängen vorkommen. Geklärt werden soll auch, wie sich die beiden Geschlechter finden. In der Wildnis graben sich männliche und weibliche Erdbohrer verzweigte Single-Wohnungen, die unverbunden sind mit denen ihrer Nachbarn. Die Abstände der Höhlen betragen bisweilen nur zehn Schritte, doch manchmal liegen die Baue Hunderte von Metern auseinander, so dass man sich wundern darf, wie die Nager überhaupt Fortpflanzungspartner finden.
Dass sie das versuchen, indem sie übertage suchend umherkrabbeln, schließen die Forscher nicht nur aus ihren Einzelwohnungen. Bemerkenswert genug, verzichten Silbermulle auch darauf, durch Trommel-Geräusche über größere Distanzen hinweg auf sich aufmerksam zu machen.
Körperliche Attraktivität kann kein Lockmittel und Suchkriterium sein. „Die Tiere sind ja fast blind, weshalb sie einander wahrscheinlich mit Hilfe der Nase oder den Ohren finden“, vermutet Hynek Burda. Zum Glück gelingt die Suche oft – jedenfalls sofern „sie beim Herumlaufen draußen nicht gefressen werden“. An der Essener Uni immerhin droht diese Gefahr nicht.
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Der Silbergraue Erdbohrer (Heliophobius argenteocinereus)
Der Publizist Axel Hacke, obwohl kein Biologe, hat den afrikanischen Tunnelgräber als „Kreuzung zwischen Maulwurf, Steinlaus und Nackenrolle“ beschrieben. Das ist nur insofern irreführend, als Loriots nimmersattes Fantasie-Insekt über sechs imposante Nagezähne verfügt, nicht bloß über vier wie der auch Silbermull genannte Erdbohrer.
Angelsachsen zählen den meist 150-250 Gramm leichten Bewohner der Busch- und Baumsavanne durchaus treffend zu den Maulwurfratten (mole rats). Der zumindest seinem Namen nach „sonnenscheue“ (heliophobe) Untergrundkämpfer wühlt sich nicht nur als Einzelgänger durchs Leben, sondern ist auch die einzige Art aus der Gattung der Erdbohrer. Diese wiederum zählt zur Familie der Sandgräber, zu welcher beispielsweise diverse Graumulle und der Nacktmull gehören.
Soweit bekannt, leben Silbermulle bis in Höhen von über 2000 Metern, bevorzugt in feuchten Landschaften mit mehr als 900 Litern Regen pro Quadratmeter, aber auch in trockeneren Regionen. Auch andere Merkmale ihrer Lebensweise lassen den Nager als vielseitig angepasstes Tier erscheinen, das hart im Nehmen ist: Silbermulle kommen in Grasländern mit saisonal harten und sehr trockenen Böden ebenso klar wie in gut zu lockerndem Farmland.
Als Folge seines Anpassungsvermögens an unterschiedliche Lebensräume stuft die Weltnaturschutzunion IUCN den Silbermull als ungefährdet ein: im östlichen und südlichen Zentralafrika ist er weit verbreitet. Bedenklich erscheint den IUCN-Fachleuten allenfalls, dass die Menschen der Region dem Tunnelgräber einen Platz als Leckerbissen auf ihrem Speiseplan zugedacht haben, wodurch der Bestand gelegentlicher Kontrolle bedürfe.
Gerade Bauern dürften die Erdbohrer nicht ungern verspeisen, gelten die Tiere in landwirtschaftlich genutzten Regionen doch als ernstzunehmende Schädlinge. Denn sie fressen nicht nur die Wurzeln von Wild-, sondern auch solche von Nutzpflanzen wie Cassava (Maniok), Yams oder Süßkartoffeln oder beschädigen die Wurzeln knollenloser Ackerfrüchte wie Mais, Obstbäumen oder Straucherbsen – und somit auch die überirdische Pflanze. So schrumpft die Ernte der Bauern, oder die Wurzelknollen sind angefressen und kaum noch verkäuflich.
Zur Paarung verlassen Silbermulle ihr Höhlensystem und begeben sich auf die Suche nach dem anderen Geschlecht. Wann es Zeit dazu ist, können die Tiere kaum an saisonalen Schwankungen der Tageslänge festmachen, denn diese ändert sich im innertropischen Lebensraum der Erdbohrer übers Jahr so gut wie nicht. Gestützt durch Beobachtungen, ist womöglich das nahende Ende der Regenzeit der Taktgeber, oder es sind mit der Regenzeit verbundene ökologische Faktoren wie das an- und abschwellende Nahrungsangebot.
Die Jungtiere kommen im Spätsommer zu Welt, vermutlich nach etwa drei Monaten Tragezeit. Haben sie genug an Gewicht zugelegt, vertreibt das Muttertier sie aus dem Bau. Von einer Schleiereule oder anderen Beutegreifern getötet und gefressen zu werden, droht am ehesten jungen Silbermullen auf der Suche nach eigenem Wühlgrund – oder erwachsenen Erdbohrern auf Partnersuche.
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[Interview]
„Vermutlich ungefährdet“
Hynek Burda leitet den Lehrstuhl für Allgemeine Zoologe in Essen und ist Fachmann für grabende Nagetiere, die im Untergrund leben. Er hat in Prag studiert und ist Gastprofessor an der südböhmischen Universität in Budweis sowie an der Agrar-Universität Prag. Mit ihm hat Walter Schmidt gesprochen.
[FOTOS von Burda beim Autor vorhanden]
Professor Burda, könnte der Silbermull eigentlich auch bei uns in Mitteleuropa zurechtkommen?
Burda: „Jein. Vom Klima her schon, denn er könnte seine Höhlen unter der Frostgrenze im Boden anlegen. Auch in Malawi muss er manchmal Kälte aushalten. Aber er hätte hier in Deutschland Probleme, Nahrung zu finden. Der Silbermull lebt ja von so genannten Geophyten, also von Pflanzen, die unterirdische Knollen oder Zwiebeln ausbilden, und davon gibt es hierzulande nicht so viele – ganz anders als in Afrika, wo viele Pflanzen wegen der Trockenzeit unterirdische Speicherorgane haben müssen. Er könnte hierzulande vielleicht noch gut in einem Kartoffelfeld leben, aber von den Kartoffeln bliebe dann bis zur Ernte nicht mehr viel übrig. Auch nicht von Tulpen- oder Narzissenzwiebeln in Gärten.“
Gilt der Nager zu Recht als unbedroht?
Burda: „Das weiß man nicht, denn es gibt wenig Daten, schon weil sich bisher keiner so richtig um diese Tiere gekümmert hat, sie also nicht gut erforscht sind. Und auch bedrohte Tiere landen nicht auf Roten Listen, wenn wenig über sie bekannt ist. In manchen Gebieten werden die Silbermulle übrigens gejagt – einmal, weil sie als Ackerschädlinge gelten, zum anderen, weil ihr Fleisch schmackhaft ist. Insofern können die Menschen in Afrika hier das für sie Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Zum Glück aber sind die Tiere ziemlich weit verbreitet, leben im Hoch- und im Tiefland von Kenia im Norden bis nach Mosambik im Süden. Vermutlich sind sie also eher nicht gefährdet. “
Was zum Beispiel ist für Wissenschaftler so faszinierend an diesen Tieren?
Burda: „Während seine engen Verwandten, die Nacktmulle, kein Fell tragen, hat der Silbermull ein dichtes und recht langhaariges – man könnte ihn Perser-Mull nennen. Sein Fell dient ihm höchstwahrscheinlich vor allem zur Thermoregulation, um auch in der Kälte überleben zu können. Er kann als Einzelgänger in seinen Höhlen ja nicht mit Artgenossen kuscheln und sich bei Bedarf an ihnen wärmen wie Nacktmulle. Allerdings leben diese zum Teil in denselben Gebieten wie Silbermulle – und das ist interessant.
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