Dringender Appell an Reiche

Auch wenn Bill Gates, der reichste Mensch der Welt, den deutschen Dichter Erich Kästner (1899-1974) kaum kennen dürfte – er verhält sich zumindest so. Seine „Bill & Melinda Gates Foundation“ ist die größte wohltätige Stiftung der Welt und war Ende 2010 gut 37 Milliarden Dollar schwer. Jedes Jahr muss die vom Vater des  Microsoft-Gründers geleitete Organisation wenigstens fünf Prozent ihres Vermögens ausgeben, um arme Menschen gegen Plagen wie AIDS zu impfen und neue Behandlungswege für Krankheiten erforschen zu lassen, an denen vor allem die Habenichtse dieser Welt leiden.

Mit Erich Kästner hat das insofern zu tun, als der sozialkritische Lyriker und Schriftsteller („Emil und die Detektive“) vermögende Menschen zur Hilfe für Arme aufgefordert hat – nicht aus Mitleid, sondern im eigenen Interesse. Vor 81 Jahren erschien Kästners Gedichtband „Ein Mann gibt Auskunft“. Darin findet sich die „Ansprache an Millionäre“, eine flammende Rede in Versen, die angesichts der Diskussion um das auch in Deutschland zunehmende Auseinanderklaffen von Arm und Reich brandaktuell erscheint. 

In elf Strophen versucht Kästner Millionären – heute wohl eher Milliardären und milliardenschweren Unternehmen vergleichbar – schmackhaft zu machen, Teile ihres Geldes zum Nutzen der Allgemeinheit auszugeben. „Macht Steppen fruchtbar. Befehlt. Legt Gleise. Organisiert den Umbau der Welt!“, ruft der Dichter den Reichen zu und schickt seinem Appell den Stoßseufzer hinterher: „Ach, gäbe es nur ein Dutzend Weise mit sehr viel Geld ...“

Damals, in den wirtschaftlich heiklen 20-er Jahren, gab es das Grundgesetz noch nicht. Mithin auch nicht dessen Festlegung in Paragraph 14, Absatz 2, die da lautet: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

In seiner „Ansprache an Millionäre“ verwies Kästner darauf, dass allzu krass werdende Vermögensunterschiede jede Gesellschaft aus den Angeln heben können. „Warum wollt ihr so lange warten, bis sie euren geschminkten Frauen und euch und den Marmorpuppen im Garten eins über den Schädel hauen?“, fragt er die Reichen und fügt ähnlich drastisch hinzu. „Dann wird sich der Strahl der Springbrunnen röten. Dann stellen sie euch an die Gartenmauern. Sie werden kommen und schweigen und töten. Niemand wird über euch trauern.“

Raffiniert appelliert der in Dresden geborene Poet keineswegs an die Ehre der Millionäre, sondern an ihren Geschäftssinn. „Ihr sollt ja gar nicht aus Güte handeln! Ihr seid nicht gut Und auch sie sind´s nicht. Nicht euch, aber die Welt zu verwandeln, ist eure Pflicht!“
In Deutschland gibt es viele wohlhabende Menschen, die längst erkleckliche Geldbeträge für gemeinnützige Zwecke spenden – wenn auch häufiger und üppiger für kulturelle oder wissenschaftliche als für soziale. Es sage etwas über die Wertigkeit von sozialem Engagement in der deutschen Gesellschaft aus, wenn sich das Mäzenatentum „nur in Randbereichen auf soziale Belange bezieht“, sagt der Politikwissenschaftler Ernst-Ulrich Huster, Professor für Sozialpolitik an der Evangelischen Fachhochschule Bochum. Dabei gebe es auch hier „historisch leuchtende Vorbilder“ – so etwa erste Siechenhäuser in europäischen Städten, die Franckeschen Stiftungen in Halle oder das 1833 als Zuflucht für verwahrloste und verwaiste Kinder gegründete Rauhe Haus in Hamburg.

Gut möglich, dass ähnliche Einrichtungen immer nötiger werden. Denn die Kluft zwischen Arm und Reich wird auch in Deutschland nachweislich größer. Schon deshalb, weil der Teufel nach einer alten Redensart immer „auf den größten Haufen scheißt“. Dieses wenig gerechte Prinzip der Zinswirtschaft kleiden die Angelsachsen in die Spruchweisheit: „Money makes Money.“

Abschreibungsmöglichkeiten, Gewinn-Transfers in Ausland und ähnliche vom Fiskus nicht selten gedeckte Tricks und Kniffe führen laut Ernst-Ulrich Huster dazu, „dass innerhalb der Gruppe der Reichen eine Personengruppe existiert, bei der Einkommen und Vermögen ... immer wieder zur Quelle von neuem Einkommen und Vermögen werden“.

Noch herrschen in der Bundesrepublik zwar keine Verhältnisse wie in den USA, wo die Kluft zwischen Arm und Reich noch größer ist als hierzulande. Doch nach Ansicht Husters werden auch in Deutschland die „Folgen zunehmender sozialer Polarisierung sichtbar“ – zum Beispiel an den Schlangen vor den Ausgabestellen von so genannten Suppenküchen oder wohltätigen kommunalen Tafeln, an denen sich arme Menschen fertiges Essen oder Nahrungsmittel abholen. „Auch ehrenamtliche Helfer sehen wieder Arme“ fügt Huster hinzu.

Armut stehe jedoch „im Spannungsfeld von Sichtbarmachen und Verbergen“. Wer sein Hartz-IV-Geld per Banküberweisung bekomme, müsse nicht mehr selber beim Sozialamt oder anderen, früher üblichen Ausgabestellen vorsprechen – oder auf den Straßen betteln. Insgesamt werde das Klima eher rauer. „Gerade jüngere, erfolgreiche Menschen stellen sich in Meinungsbefragungen gegen den Sozialstaat“, beklagt Huster diese Tendenz. Der Spruch, wonach jeder „seines Glückes Schmied“ sei, habe „in Teilen der Gesellschaft wieder Konjunktur“. Man fragt sich nur, wer die Schmiedewerkstatt mit dem nötigen Werkzeug ausrüstet, damit der arme, behinderte oder auf andere Weise minderbemittelte Glücksschmied loshämmern kann.

Bei nicht wenigen jungen Menschen wachse spürbar der Frust darüber, „keine Chance zu haben, ihren Anteil am Reichtum dieser Gesellschaft zumindest auf legalem Wege erhalten zu können“, sagt der Politikwissenschaftler. Sie neideten anderen „das, was diese bekommen, sie verteufeln sozial noch Schwächere, ja, sie werden tätlich, mit zum Teil tödlichem Ausgang“, beklagt Huster, der in Bochum und Gießen lehrt.

Es kann sehr teuer, unfriedlich und hässlich werden, nicht gegenzusteuern. Der US-amerikanische Schriftsteller Tom C. Boyle schildert in seinem Roman „The Tortilla Curtain“, wie sich die Reichen Südkaliforniens hinter Zäunen und bewacht von Sicherheitsdiensten verschanzen, um das wachsende Heer der Elenden nahe der mexikanischen Grenze aus ihrem Leben zu verbannen – so gut das geht.

Sozialexperten sind in Sorge wegen eines ähnlichen Trends zur Abschottung auch in Deutschland. „Nicht der soziale Diskurs über Verteilungsfragen wird in dieser Gesellschaft gesucht, sondern die Wagenburg der Reichen wird noch fester geschlossen“, urteilt Huster. Ihn bekümmert die „schroffe Trennung von Armut und Reichtum“ in deutschen Städten. Längst hätten auch hierzulande private Sicherungsdienste Hochkonjunktur. Das mag schön sein, für deren Einnahmen. Schön für die Gesellschaft ist es nicht.

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Quelle der Gedichtauszüge: "Ansprache an Millionäre", aus: Erich Kästner: „Ein Mann gibt Auskunft“, Atrium Verlag, 1930.  Abdruck und Verwendung der zitierten Verse mit freundlicher Genehmigung des Atrium Verlags und Thomas Kästners  

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Im Schnitt durchweg vermögend

Im Jahr 2010 haben die Privathaushalte in Deutschland rund 4900 Milliarden Euro an Geldvermögen besessen – rechnerisch pro Kopf immerhin 60.000 Euro. Hinzu kommen noch etwa 3900 Milliarden an Sach- und rund 1300 Milliarden an Gebrauchswerten, was das durchschnittliche Gesamtvermögen eines Bundesbürgers auf etwa 123.000 Euro hebt. Abzuziehen hiervon sind allerdings noch Konsumentenkredite und andere Verbindlichkeiten.

In Wahrheit können sich die meisten Deutschen von ihrem statistischen Netto-Vermögen wenig oder gar nichts kaufen. Denn das Eigentum ist sehr ungleich verteilt. Nach Angaben des DIW gehörte 2007 dem wohlhabendsten Zehntel der Bevölkerung etwa 60 Prozent des Vermögens und dem obersten Prozent sogar 23 Prozent des Vermögens. Dagegen konnte die Hälfte der Bundesbürger damals weniger als 15.300 Euro ihr eigen nennen, und 27 Prozent der Bundesbürger besaßen nichts – oder hatten sogar Schulden

Ähnlich ungünstig für den sozialen Frieden entwickelt sich die Einkommensverteilung. Nach einer Anfang Dezember vorgelegten Studie der Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) erwirtschaften die zehn Prozent der Deutschen mit den höchsten Einkommen im Jahr 2008 ungefähr achtmal so hohe Gehälter (durchschnittlich 57 300 Euro im Jahr) wie die am schlechtesten verdienenden zehn Prozent (etwa7400 Euro, ohne staatliche Hilfsleistungen). Das ist ein Verhältnis von 8:1. Vor zwanzig Jahren lag das Verhältnis noch bei 6:1. „In Deutschland ist die Einkommensungleichheit seit 1990 erheblich stärker gewachsen als in den meisten anderen OECD-Ländern“, befindet die OECD. Im Zeitraum 1980-90 habe die Bundesrepublik noch „zu den eher ausgeglichenen Gesellschaften“ gehört, inzwischen liege sie unter den 34 OECD-Staaten nur noch im Mittelfeld.

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