Bundesrepublik Wolfsland

Rolf starb am 16. Januar dieses Jahres, an einem Sonntag. Er hauchte sein Leben in der Nähe
von Senftenberg in der Oberlausitz aus, kurz nachdem er mit einem Auto zusammengestoßen war. Er war Vater, allerdings nur einer von kleinen Wölfen. Ein Rüde also, der Anführer des Milkeler Rudels, wie der Naturschutzbund NABU seinerzeit mitteilte. Damit seien seit der Rückkehr des Wolfes nach Deutschland innerhalb von sechs Jahren „zwölf Tiere durch Verkehrsunfälle getötet“ worden.

Immerhin war die Sorge der Wolfsfreunde unbegründet, mit Rolfs Tod sei das ganze Rudel auf Dauer führerlos und stehe deshalb vor der Auflösung. Schon am 2. Februar konnte der NABU freudig verkünden: „Wie Aufnahmen einer im Wolfsrevier aufgestellten Fotofalle zeigten, hat bereits ein anderer Rüde Rolfs Position eingenommen.“ 

Nicht nur nach Ansicht des NABU ist die vorerst noch zaghafte – und keineswegs sichere –Rückkehr des Wolfes (Canis lupus) nach Deutschland eine der „großen Erfolgsgeschichten im Naturschutz“. Vor elf Jahren wurden in Ostdeutschland die ersten Graupelze gesichtet, eingewandert von Polen. Fast hundert Jahre waren vergangen, seit am 27. Februar 1904 der letzte wilde Wolf erschossen wurde – ebenfalls in der Lausitz. Heute leben nach Auskunft des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) wieder 12 Rudel sowie mehrere Paare und Einzeltiere in der Bundesrepublik.

Der bisherige Einwanderungserfolg der Beutegreifer – Raubtiere wären es nur, wenn sie jemanden etwas raubten –  belegen nach Ansicht des NABU, dass Wölfe „nicht zwingend an ein Leben in der Wildnis gebunden“ seien; sie könnten vielmehr auch in der vom Menschen entscheidend geprägten mitteleuropäischen Kulturlandschaft überdauern. Allerdings machten wiederholte Verkehrsunfälle, an denen Wölfe beteiligt sind, „schmerzlich bewusst“, dass sie auch einen „hohen Preis für das Leben in der Kulturlandschaft zahlen müssen“, beklagt Markus Bathen vom NABU-Projekt „Willkommen Wolf!“. Ab und an wird zudem ein Wolf erschossen aufgefunden – so etwa am 6. Juni 2009 in Sachsen-Anhalt. Jeder solche Abschuss ist ein klarer Verstoß gegen geltendes Recht – was auch der Deutsche Jagdschutz-Verband so sieht.

Wölfe sind keineswegs allseits gern gesehen in Deutschland, schon weil die Menschen nicht  mehr an ihren Anblick gewöhnt sind. Dabei ist der vermeintlich „böse Wolf“ ein mythologisches Urviech, das unsere Märchen zweifellos spannender macht, in erwachsenen Hirnen aber anders gesehen werden sollte denn als Vertilger hinfälliger Großmütter und kleiner Mädchen mit roter Mütze.

Und dennoch: Es ist nur wenige Generationen her, dass die Menschen in Wölfen lebensgefährliche Feinde sahen. Im Jahr 1838 etwa wurde in der Eifel eine Verordnung erlassen, die den Gemeinden auferlegte, sich an Treibjagden auf Wölfe zu beteiligen. Die Raubtiere hatten seit zwanzig Jahren das Land in Schrecken versetzt und wurden als Plagegeister empfunden. Das erklärt noch heute zum Teil die Vorbehalte gegen ihre Rückkehr. Die Furcht vor den Boten neuer Wildnis hierzulande sitzt tief – auch wenn Autofahren auch dann viel gefährlicher bleiben und einen viel höheren Blutzoll fordern würde, wenn Wölfe dermaleinst wieder flächendeckend durch Deutschland streiften.

Dass sie das könnten, sofern man sie denn ließe, hat gerade ein Forschungsvorhaben des BfN zum Ausbreitungsverhalten der Wölfe in Deutschland belegt. Die zwischen 2009 und 2011 gesammelten Bewegungsdaten kamen über GPS-Sender zustande, mit denen in der Lausitz sechs Wölfe ausgestattet worden waren, um herauszufinden, wie und wann Jungwölfe ihr Elternrudel verlassen, um sich einen Paarungspartner zu suchen und ihr eigenes Territorium gründen.

Nach Worten der BfN-Präsidentin Beate Jessel handelt es sich bei dieser Wolfsstudie um die „erste Studie in Mitteleuropa, bei der die Wanderbewegungen mittels Satellit verfolgt und der Aufenthalt von Wölfen in ihrem Territorium untersucht wurden“. Selbst Fachleute wunderten sich über die teils überraschenden Ergebnisse.

So können Wölfe pro Tag über siebzig Kilometer weit laufen und dabei nicht nur Flüsse und Autobahnen überwinden, „sondern sie fühlen sich auch in einer Vielzahl von Lebensräumen wohl, sofern man sie in Ruhe lässt“, fügte Jessel hinzu.

Dabei ist – was wunder – kein Wolf wie der andere. Während ein junger

Rüde nach einem Jahr das Rudel verließ und in etwa zwei Monaten 1.550 Kilometer weit nach Weißrussland trottete, verharrte ein Weibchen auch noch nach mehr als zwei Jahren bei seiner Familie. Auch beim Raumbedarf zeigten sich die untersuchten Wölfe sehr individuell: Zwischen 49 und 375 Quadratkilometer wurden von ihnen genutzt – womit ihr jeweiliges Territorium im Durchschnitt 172 Quadratkilometer groß war.

Die untersuchten Wölfe erwiesen sich als sehr anpassungsfähig und nutzten für ihre Streifzüge und Angriffe auf Beutetiere nicht nur Wälder, sondern auch offenes Gelände, so etwa Heideland. Straßen scheinen die Tiere nicht abschrecken zu können – nicht einmal zur Aufzucht ihres Nachwuchses. Ein Weibchen richtete keine 500 Meter von einer vielbefahrenen Straße entfernt mehrere Höhlen zur Aufzucht ihrer Jungen her.

„Wölfe brauchen also keine Wildnis, sondern sie können sich auch in unserer Kulturlandschaft sehr rasch ausbreiten und an die unterschiedlichsten Lebensräume anpassen“, sagt Beate Jessel. Deshalb solle man sich vorsorglich „überall in Deutschland auf das Erscheinen des Wolfes einstellen und auf der Grundlage von Managementplänen ein möglichst konfliktfreies Miteinander von Menschen und Wölfen sicherstellen“.

Nur bereit müssten die Menschen dazu sein. Derlei nennt man üblicherweise den springenden Punkt.

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