„Böse und krank“ – Breivik war beides

Hat der Norweger Anders Breivik böse gehandelt, als er am 22. Juli fast achtzig Menschen erschoss? Oder ist er krank im Kopf und damit zumindest vermindert schuldfähig? Ist die furchtbare Tat also moralisch zu beurteilen und oder eher medizinisch? „Der Täter hat nicht böse oder krank gehandelt, sondern böse und krank“, sagt der Mediziner und Neurobiologe Joachim Bauer. Seiner Ansicht nach „gibt es einen psychologischen und einen gesellschaftlich-politischen Faktor, und beide haben in toxischer Weise zusammengewirkt“.
Breiviks Tat habe aus psychologisch-biografischer Sicht eine lange Vorgeschichte. „Er war unzureichend familiär gebunden und wurde von seinem engsten Umfeld nicht akzeptiert“, urteilt der Oberarzt von der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Uniklinik Freiburg.

Die Folge davon: ein verletztes Selbstwertgefühl, maßgeblich verursacht durch die frühe Trennung der Eltern in Breiviks erstem und die Zurückweisung durch den Vater seit dem 16. Lebensjahr. Danach habe der Vater sogar den Kontakt zu seinem Sohn abgebrochen, „was einen einzelgängerischen jungen Mann heranwachsen ließ, der kompensatorisch einen immer ausgeprägteren, krankhaften Narzissmus entwickelte“.
Entscheidend sei hinzugekommen, dass Breivik in ein politisches Milieu geriet, „in dem die Angst kultiviert wurde, von Fremden bedroht, von einer Immigrantenwelle überrollt und seiner Identität beraubt zu werden“. Der geständige Todesschütze habe politischen und gesellschaftlichen Gruppierungen sowie Internet-Netzwerken nahegestanden, deren Mitglieder sich als gedemütigt und enteignet erleben – gefühlte zu kurz Gekommene also. „Beides, der psychologisch-biografische Faktor und das politische Milieu, haben im Täter quasi eine giftige Mischung entstehen lassen“, sagt der Experte für das menschliche Gehirn. „Sowohl individuell als auch politisch betrachtet wurde die subjektiv gefühlte Schmerzgrenze überschritten.“ Ein gedemütigter Mann, dem der von maßgeblichen Menschen der Respekt verweigert worden ist, habe dadurch anhaltenden seelischen Schmerz erlebt, was in ihm wiederum heftige Aggressionen ausgelöst habe. „Breivik verspürte Hass auf Menschen, die für ihm zum Feindbild wurden, und hat das am Ende mit Gewalt beantwortet“, merkt Bauer an.
Es stellt sich die Frage, warum ähnlich denkende und empfindende Menschen sich anders als der Norweger nicht zu „einer solchen Wahnsinnstat“ hinreißen lassen. Bei Breivik seien zum Überschreiten der Schmerzgrenze weitere entscheidende Faktoren hinzugekommen: Der 32Jährige habe sich intensiv in so genannten Computer-Killerspielen geübt, was er in seinem Manifest „ausdrücklich betont hat“. Außerdem griff er zu Aufputschmitteln: „Er nahm regelmäßig aggressionssteigernde Drogen wie Ephedrin“, sagt Bauer – laut Breiviks Manifest auch vor der Tat. Das Mittel steigert den Blutdruck, regt das Herz an und euphorisiert den Konsumenten.

Für Joachim Bauer sind aus der schrecklichen Tat mindestes drei  Lehren zu ziehen: „Erstens gibt es nicht das mystische Böse, das uns hier angeblich begegnet; die Gesetze von Ursache und Wirkung gelten auch im Bereich der Gewalt.“ Zweitens seien „politische Milieus auszutrocknen, die aus empfundener Ohnmacht erwachsende Ablehnung von Fremden fördern – oder sogar unverstellten Fremdenhass kultivieren“. Und drittens „müssen wir uns darum kümmern, dass Kinder und Jugendliche familiär und außerfamiliär keine chronischen Ausgrenzungskarrieren durchlaufen“. Nur dann bestünden gute Chancen, jene persönliche Schmerzgrenze nicht zu übertreten, aber der Menschen – ob blindwütig oder berechnend – zur Gewalt greifen, wenn auch nicht immer gegen jene, die ihnen wehgetan haben.  

(3685 Anschläge)

Zum Weiterlesen:

Joachim Bauer: „Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt“, 2011, Blessing Verlag, 288 Seiten (gebunden), 18,95 Euro (Österreich: 19,50 Euro), Schweiz 29,90 CHF